Betroffene Gesichter beim Vorstand des Bundesinnungsverbandes des Glaserhandwerks. Die Diskrepanzen innerhalb des Gremiums führten bei der Mitgliederversammlung am 22. November zum Rücktritt. v.l.: Michael Schulze (Vorstand), Michael Wolter (Vorstand), Udo Pauly (Vorstand), Martin Gutmann (Bundesinnungsmeister / Vorstand), Stefan Kieckhöfel (Hauptgeschäftsführer BIV), Angelika v. Lucadou (BIV Geschäftsstelle) und Hermann Fimpeler (Vorstand).

Betroffene Gesichter beim Vorstand des Bundesinnungsverbandes des Glaserhandwerks. Die Diskrepanzen innerhalb des Gremiums führten bei der Mitgliederversammlung am 22. November zum Rücktritt. v.l.: Michael Schulze (Vorstand), Michael Wolter (Vorstand), Udo Pauly (Vorstand), Martin Gutmann (Bundesinnungsmeister / Vorstand), Stefan Kieckhöfel (Hauptgeschäftsführer BIV), Angelika v. Lucadou (BIV Geschäftsstelle) und Hermann Fimpeler (Vorstand). (Foto: © Vössing)

BIV-Vorstand tritt zurück

Glas+Rahmen - Aktuell

November 2019

Nach einer turbulenten Diskussion trat im Rahmen der Herbst-Mitgliederversammlung am 22. November der gesamte Vorstand des Bundesinnungsverbandes des Glaserhandwerks (BIV) zurück.

Schon im Vorfeld der Versammlung am 22. November hatte sich in den Reihen der Mitglieder des Bundesinnungsverbandes rumgesprochen, dass es im Vorstand ordentlich brodelte und die vier Vorstandsmitglieder Udo Pauly, Hermann Fimpeler (stv. BIM), Michael Schulze und Michael Wolter (stv. BIM) bereits nach einer Sitzung im September beschlossen hatten, nicht weiter mit Bundesinnungsmeister Martin Gutmann zusammen zu arbeiten.

Bundesinnungsmeister Martin Gutmann war schon im September von seinen Vorstandskollegen die Zusammenarbeit verweigert worden. Foto: © Vössing
Bundesinnungsmeister Martin Gutmann war schon im September von seinen Vorstandskollegen die Zusammenarbeit verweigert worden. Foto: © Vössing

Das bestätigte Gutmann in seinem Tätigkeitsbericht zum Auftakt des Treffens in der Hamburger Handwerkskammer: "Es stellt sich so dar, dass die Mitglieder meines Vorstandes mir das Misstrauen ausgesprochen haben. Sie wollen nicht mehr mit mir arbeiten", erklärte Gutmann.

Zudem ergänzte er: "Der Anfang war, dass ich in der BIV Geschäftsstelle in Hadamar war und diverse Punkte angesprochen habe, die ich dringend klären wollte. Das hat man als massiven Angriff auf den Hauptgeschäftsführer gewertet." Der Vorstand habe dann in einem Vorstandsbeschluss festgelegt, dass er nicht mehr für den BIV tätig sein dürfe und der Hauptgeschäftsführer Stefan Kieckhöfel nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten müsse."

Gutmann fordert Änderung in der Geschäftsführung

Seinen Missmut über die Verbandsgeschäftsführung betonte Gutmann auch in Hamburg: "Nach meiner Meinung muss sich in der Geschäftsführung grundsätzlich was ändern." Als Konsequenz der seitens seiner Kollegen beendeten Zusammenarbeit bot Gutmann seinen Rücktritt an, knüpfte diesen aber an die Bedingung, dass mit ihm auch der übrige Vorstand zurücktritt, Neuwahlen angesetzt werden und keiner seiner bisherigen Vorstandskollegen erneut antritt.

Diese Forderungen akzeptierte keiner der Betroffenen. Im weiteren Verlauf der Sitzung versuchten seine vier Vorstandskollegen mehrfach die Hintergründe für die aus ihrer Sicht unausweichliche Aufkündigung der Zusammenarbeit mit BIM Gutmann zur begründen, Gehör fanden sie allerdings nur begrenzt.

Zu groß war der Unmut der Delegierten über die Querelen im Vorstand. Niemand wollte ausführliche Details über die offensichtlich teils sehr persönlichen Diskrepanzen und Verfehlungen hören.

Vorwurf an LIV Baden-Württemberg

Weiter angeheizt wurde die Stimmung schließlich als Michael Schulze stellvertretend für die übrigen Vorstandsmitglieder explizit die Vertreter des baden-württembergischen Landesverbandes ansprach und deren mediale Darstellung der Entwicklungen im Bundesinnungsverband aufs Schärfste kritisierte. Schulze: "Es ist so viel Negatives in die Öffentlichkeit getragen worden, das geht auf keine Kuhhaut."

Ratlosigkeit machte sich unter den Delegierten angesichts der unüberwindbaren Diskrepanzen zwischen dem Bundesinnungsmeister und den weiteren vier Vorstandsmitgliedern breit. Nach vielen emotionalen Ansprachen favorisierte die Mehrheit den Rücktritt des Führungsgremiums. Foto: © Vössing
Ratlosigkeit machte sich unter den Delegierten angesichts der unüberwindbaren Diskrepanzen zwischen dem Bundesinnungsmeister und den weiteren vier Vorstandsmitgliedern breit. Nach vielen emotionalen Ansprachen favorisierte die Mehrheit den Rücktritt des Führungsgremiums. Foto: © Vössing

Dadurch sei der ganze Verband und insbesondere Hauptgeschäftsführer Stefan Kieckhöfel beschädigt worden. Der in Baden-Württemberg aktuell debattierte Ausstieg aus dem Bundesverband sei nach seiner Einschätzung längst beschlossene Sache. Die Kritik des Landesverbandes am Hauptgeschäftsführer, die als Hauptgrund für die Austrittsüberlegungen des LIV angeführt wird, kommentierte Schulze mit der Frage: "Ihr wollt Stefan Kieckhöfel weghaben? Vielleicht wollt ihr ja auch Hadamar weghaben?"

Die Verknüpfung der Mitgliedschaft im BIV mit der Person des Hauptgeschäftsführers sei lediglich ein vorgeschobener Grund. Denn den gewünschten Einblick in die Bücher der GmbH des BIV habe man gewährt, so Schulze, und man habe feststellen müssen, dass alles in Ordnung ist. Ungeachtet dessen erklärte der baden-württembergische Landesinnungsmeister Jürgen Sieber: "Wir haben ein Problem mit der Geschäftsführung von Herrn Kieckhöfel."

Nun hielt es Michael Gipser, ehemaliger stellvertretender Bundesinnungsmeister und amtierender Landesinnungsmeister in Sachsen-Anhalt, nicht mehr auf dem Stuhl. Zur Positionierung der Baden-Württemberger erklärte er: "Wenn ich an einem Gremium Kritik übe und die Möglichkeit habe, darin mitzuarbeiten, dies aber nicht tue, dann stimmt doch etwas nicht. Euer Austritt war schon beschlossen, bevor die aktuellen Vorwürfe zum Thema wurden."

Eklat um Vorschlag des Bundesinnungsmeisters

Zu diesem Zeitpunkt bewegte sich die Stimmung in den Reihen der Delegierten bereits zwischen Unverständnis, Betroffenheit und Ratlosigkeit, die Gemengelage war schwierig, und niemand hatte eine Lösung für die Beseitigung der Diskrepanzen parat. Den Anstoß für eine weitere Eskalation machte dann Vorstandsmitglied Udo Pauly als er Martin Gutmann direkt fragte, ob es der Realität entspreche, dass er zwei Tage zuvor auf der Mitgliederversammlung seines hessischen Landesverbandes unter Hinweis auf eine mögliche Nachschusspflicht des Verbandes bei einer finanziellen Schieflage des BIV, vorgeschlagen habe, eine Abstimmung über den Verbleib im Bundesinnungsverband auf die Tagesordnung der nächsten Mitgliederversammlung zu setzen.

Vorstandsmitglied Michael Schulze kritisierte die aus seiner Sicht vom Landesinnungsverband Baden-Württemberg initiierte Negativ-Berichterstattung über den Bundesinnungsverband. Foto: © Vössing
Vorstandsmitglied Michael Schulze kritisierte die aus seiner Sicht vom Landesinnungsverband Baden-Württemberg initiierte Negativ-Berichterstattung über den Bundesinnungsverband. Foto: © Vössing

Gutmann relativierte den Vorwurf, vermochte ihn aber nach Einschätzung vieler Delegierter nicht gänzlich zu entkräften. Ein Eklat. Die Stimmung im historischen Tagungsraum kochte, Rufe nach dem Rücktritt des BIM wurden lauter, die Wortbeiträge noch emotionaler. Vorstandsmitglied Michael Wolter fragte: "Was sollen wir denn glauben? Du willst Baden-Württemberg und Bayern überzeugen, im BIV zu bleiben und du sprichst im eigenen Verband über Austritt." Angesichts des Vorwurfs stellte Udo Pauly den Antrag, zu beschließen, die Bezüge des Bundesinnungsmeisters bis zur Klärung des Sachverhalts in Hessen auf ein Sonderkonto zu parken. Mit dieser Forderung konnte er sich jedoch nicht durchsetzen. Auch sein Versuch, die Versammlung über die positiv geleistete Arbeit des Vorstandes zu unterrichten, scheiterte an der Intervention einiger Delegierter.

Gutmann erklärte später gegenüber unserer Redaktion, er habe auf seiner Landesversammlung angesichts der aktuellen Entwicklungen im Bundesinnungsverband lediglich den Vorschlag gemacht, grundsätzlich einmal darüber zu sprechen, wie man sich verhalte, sollte der BIV einmal in Schieflage geraten. Der Hinweis auf eine mögliche Nachschusspflicht sei nicht von ihm gekommen, sondern von einem Mitglied des Landesverbandes.

Rücktritt soll Neuanfang ermöglichen

Einen Weckruf an alle Beteiligten formulierte schließlich Arnd Krüger, Kreishandwerksmeister und stellvertretender Obermeister der Glaser-Innung Wuppertal-Remscheid-Solingen. Aufgebracht konstatierte er: "So eine Sitzung habe ich noch nie erlebt. Ich bin entsetzt. Das geht doch hier in das tiefste Persönliche. Werdet endlich eurer Verantwortung gerecht."

Hauptgeschäftsführer Stefan Kieckhöfel steht in der Kritik von Bundesinnungsmeister Martin Gutmann und dem LIV Baden-Württemberg, hat aber Rückhalt bei den übrigen Vorstandsmitgliedern und Landesverbänden. Foto: © Vössing
Hauptgeschäftsführer Stefan Kieckhöfel steht in der Kritik von Bundesinnungsmeister Martin Gutmann und dem LIV Baden-Württemberg, hat aber Rückhalt bei den übrigen Vorstandsmitgliedern und Landesverbänden. Foto: © Vössing

Mit Krügers emotionalem Aufruf, doch endlich gemeinsam konstruktiv an der Zukunft des Glaserhandwerks zu arbeiten, gewann die Überzeugung Oberhand, einen Schlussstrich ziehen zu müssen, um einen Neufanfang starten zu können. Auch Carsten Sommer, Obermeister der Landesinnung Hamburg, argumentierte in diese Richtung. Er betonte, wie wichtig es sei, dass der Vorstand und die Geschäftsführung gut zusammenarbeiten. "Wenn das nicht geht, muss der Vorstand komplett zurücktreten. Es tut mir leid für die, die ihre Arbeit engagiert gemacht haben, aber nun muss man an die Zukunft denken."

Nach weiteren Wortbeiträgen von Delegierten aus Bayern, Rheinland-Pfalz und Berlin, in denen unisono ein Ende der persönlichen Angriffe, mehr Ehrlichkeit und Transparenz und ein Neuanfang gefordert wurde, erklärte als Erster der stellvertretende Bundesinnungsmeister Michael Wolter seinen Rücktritt, betonte aber, dass er sich von Martin Gutmann nicht vorschreiben lasse, nicht wieder anzutreten. Nach weiteren Unmutsbekundungen aus den Reihen der Delegierten folgten ihm schließlich alle weiteren Vorstandsmitglieder inklusive BIM Martin Gutmann.

Neuwahlen im Januar

Jürgen Sieber, Landesinnungsmeister des LIV Baden-Württemberg, wiederholte in Hamburg seine Kritik an der BIV-Geschäftsführung, nannte aber keine konkreten Gründe dafür. Foto: © Vössing
Jürgen Sieber, Landesinnungsmeister des LIV Baden-Württemberg, wiederholte in Hamburg seine Kritik an der BIV-Geschäftsführung, nannte aber keine konkreten Gründe dafür. Foto: © Vössing

Da eine Neuwahl satzungsgemäß schon Wochen vor der Mitgliederversammlung offiziell angekündigt werden muss, konnte in Hamburg nicht sofort gewählt werden. Als Termin wurde der 17. Januar 2020 fixiert. Bis dahin bleibt der jetzige Vorstand kommissarisch im Amt.

Mit Blick auf die anstehende Neuwahl und den Umstand, dass schon bei der vergangenen Vorstandswahl das Gremium mangels Kandidaten nicht voll besetzt werden konnte, gab Hauptgeschäftsführer Stefan Kieckhöfel den Delegierten mit auf den Weg: "Vielleicht überlegt ja der eine oder andere angesichts der neuen Situation noch einmal doch wieder im Vorstand mitzuarbeiten."
Von Jürgen Vössing

www.glaserhandwerk.de

Mehr zur Mitgliederversammlung des Bundesinnungsverbandes lesen Sie in der Dezember-Ausgabe der Glas+Rahmen.

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